Ist die RX100 die beste Kompaktkamera?

Allgemeines / Test

LX100 VM

This is a review of the best pocket camera ever made. Mit dieser Ankündigung beginnt David Pogue seine Bericht über die Sony RX100 in der New York Times und schürt damit die Erwartungen der Rezipienten. Viele Jahre hätten Kamerahersteller nur Angst gehabt vor anderen Kameraherstellern und so waren sie am Ende unvorbereitet als ihnen die Hersteller von Mobiltelefonen in die Parade fuhren, das “entre nous” verhagelten und damit der Markt für die kleinen Kompaktkameras ein schmerzhaftes Stückchen einbrach.

Spätestens Apples iPhone 4S ließ viele Verbraucher glauben, dass nicht mehr brauchte als das stets mitgeführte Telefon, um Schnappschüsse zu machen und hier und da schrieben berufene Münder oder solche, die sich berufen fühlten, dass die beste Kamera die sei, die man dabei habe. Da schloss sich ein Kreis und der Hund biß sich in den Schwanz. Eine neue Kompaktkamera sollte also etwas mehr können als bei gutem Licht von vorn bis hinten alles scharf zu halten und dann ein paar Effekte drüber zu bügeln.

Ein primus inter pares?

Die Sportsfreunde von Sony haben sich dieser Aufgabe also gestellt und achteten dabei augenscheinlich besonders auf die Bildqualität, was den Einsatz eines relativ großen Sensors von 1 Zoll mit sich brachte. Der Zoombereich des Zeiss Sonnar-Objektivs reicht von 28 bis 100mm (umgerechnet auf KB) und ist mit f1.8 bis f4.9 als weiteste Blendenöffnung nicht nur lichtstärker als zum Beispiel Mitbewerber Canon mit der S100, auch Nikons neustes Edelmodell P7700 hat hier das Nachsehen – beide Konkurrenten kommen zudem mit deutlich kleineren Sensoren daher. Soweit scheint die NYT meiner Meinung, die übrigens auch Eric Schatzker von Bloomberg nach seinem Besuch bei B&H teilt. Auch Kai W. von DigitalRev lässt sich insgesamt zu einem positiven Resümée hinreissen, bringt aber auch noch einmal die kleinen Micro Four Thirds ins Spiel – die kleinen Systemkameras haben einen mitunter günstigeren Preis und den größeren Sensor, übertreffen die RX100 aber auch wieder deutlich in der Größe. Vgl. dazu z.B. die Olympus Pen E-PM1.

Bike Shadow River

Die Kamera in die Hand genommen fällt sofort das angenehme Gewicht, die gute Verarbeitung der in Japan montierten RX100 als auch die sinnvoll angeordneten Bedienelemente auf. Es gibt ein Hauptwahlrad für P, A, S, M usw. Darüber hinaus ein Zoomhebel am Auslöser, vier kleine Tasten rechts vom Display rund um das Wähl-Drehrad angeordnet. Außerdem gibt es am Objektiv einen Kranz, den ich mit der Blende belegt habe. Dank dieser Ausstattung muss man ähnlich selten ins Menü eintauchen wie bei einer DSLR und damit seltener als bei meiner Sony NEX. Für mich als Sony-User stellte das Menü dann aber am Ende auch keine große Herausforderung dar.

Bedienung und Haptik haben also überzeugt, aber wie steht es am Ende um die Ergebnisse? – Was zunächst aussieht, wie der Beginn eines gefakten Politikerinterviews, dient hier zu Überleitung. Was die Kompaktkamera auf ihre 20.2 Millionen Pixeln auffängt ist für eben eine Kompaktkamera bemerkenswert gut. Die Schärfe der Fotos, die Qualität auch im hohen ISO-Bereich, die Wiedergabe der Farben, die Geschwindigkeit der Aufnahme – alles auf dem Niveau größerer Kameras.

Nicht alles goldig!

Nun bleibt die Frage, ob alles Gold ist, was da auf der matten Oberfläche glänzt. Es ist nicht alles Gold. Die Blende von 1.8 funktioniert nur im weitesten Weitwinkelbereich und man schafft es sogar, den Hintergrund etwas unscharf erscheinen zu lassen, aber für Portraits reicht es nur, wenn man sehr viele Zugeständnisse macht. In diesem Fall bin ich dann nicht immer bereit, an Beschränkungen zu wachsen. Eine Fehlkonstruktion an diesem optisch so stimmigen Handschmeichler ist dann der Umstand, dass der Objektivkranz so weit nach unten reicht, dass er blockiert, schraubt man zum Beispiel eine Manfrotto-Stativplatte unter die Kamera. Nur ein Schönheitsfehler, aber ein liebloser, ist das billig aufgeklebte Zeiss Logo an der Frontseite. Da hätte man mehr Liebe zum Detail zeigen können, ja: müssen. Hier beweist Apple, wie man es besser macht und offensichtlich hat man bei den hier im Laden verkauften Modellen ganz darauf verzichtet.

In vielen Betrachtungen der RX100 wird enttäuscht darauf hingewiesen, dass hier der Akku in der Kamera geladen wird und man so nicht in der Lage wäre, daheim den Zweitakku aufzuladen während man die Kamera nutzt. Wenngleich ich bei Sony durchaus den Trend dazu erkenne, zu sparen, wo es vielleicht nicht sofort auffällt, stört mich diese Akkulösung nicht. In der Regel nimmt man die Edelkompakte nicht zu einem Shooting mit, wo man über Stunden dauerhaft mit der Kamera arbeitet. Sollte man es dennoch darauf anlegen: der Zubehörmarkt wird gewiss eine Antwort liefern. Apropos Zubehör: da findet sich jetzt schon eine ganze Menge und nicht nur von Sony selbst. Ich verweise hier nur einmal auf die schön gearbeiteten Halfcases von Gariz, das Unterwassergehäuse von Nauticam oder einen aus Hamburg über ebay vertriebenen “Filterhalter 52mm für Sony RX100”.

Was kostet der Spaß?

Für die meisten Interessenten wirklich schwer wiegen dürfte aber der Preis von 649,00 Euro in Deutschland, aber auch in anderen europäischen Ländern. In den USA, zum Beispiel bei B&H in New York oder Bromfield in Boston werden dagegen nur rund 650,00 $, also 520,00 Euro verlangt. Auch in Hong Kong ist die RX100 u.a. über Cam2 für rund 550,00 Euro zu haben.

Fazit

Die New York Times scheint mit ihrer Einschätzung schon ohne mein Zutun nicht alleine zu stehen, doch am Ende muss man sich als Verbraucher fragen, was man denn für sein vieles Geld erwartet. Die RX100 ist keine DSLR, die durch ein Wunder eingedampft wurde und eine Spiegelreflex voll ersetzen kann. In meinen Augen hätte sie das Zeug zu einer guten Reisekamera, wenn der Urlaub und nicht das Fotografieren im Vordergrund stehen soll, man aber dennoch in die Lage versetzt sein möchte, seine Reise ansprechend zu dokumentieren. An sich ist das sehr gut vorstellbar, aber warum Sony sich dann den Einbau eines GPS-Moduls, das bei der deutlich günstigeren HX-20 mit an Bord ist, gespart hat, werden wohl nur wenige Menschen begreifen. Das ist in meinen Augen ein klares Minus. Ebenfalls geärgert hat mich die 230 Gramm schwere und 15 Sprache umfassende Bedienungsanleitung, die mir u.a. erklärt, ich möge mich nicht setzen, wenn ich die Kamera in der Gesäßtasche habe und die restlichen Erklärungen gäbe es nur in elektronischer Form. Da ich nicht auf der CD oder im WWW habe suchen wollen, habe ich also nicht herausgefunden, wie ich via PictBridge ein Foto ausdrucke.

Am Ende stehen wir also da mit einer kleinen, tollen, hochwertigen Digitalkamera, die man immer dabei haben kann, weil sie so klein ist, die sich sehr gut verkauft – trotz des hohen Preises – und die im Fotostudio mit ihrem Funzelblitz nicht dazu taugte, den großen Profoto per Fotozelle auszulösen. Dafür sollte man dann lieber doch die DSLR bemühen. Das aber war hier nicht die Frage. Es ist the best pocket camera ever made.

6 Kommentare

  1. Zappel sagt

    Trotz aller technischen Merkmale, die die RX100 bietet, kann ich mich beim besten Willen nicht mit der Marke Sony anfreunden. Mir wäre es lieber, wenn ein anderer Hersteller dieses Prachstück kreiert hätte.

  2. Stephan sagt

    Hallo Zappel,

    zunächst einmal lass mich anmerken, dass ich es fair gefunden hätte, wenn Du eine gültige eMail-Adresse hinterlassen hättest, aber vielleicht bekommst Du auch so davon Wind, dass ich Dir antworte. ;-)

    Meinetwegen könnte auch Bauknecht die Kamera herstellen – wenn sie gut ist, ist sie gut. Nikon setzt ja übrigens auch oft auf Sony-Sensoren.

  3. Andreas sagt

    Hallo,

    eine Anmerkung zu den Preisen – in USA (und auch vielen anderen Ländern) werden in den Shops Nettopreise angegeben. Wenn man auf die umgerechneten 520€ unsere Mehrwertsteuer addiert (eventuell kommen auch noch Zollgebühren drauf?), dann liegt man bei 620€ und somit gar nicht so weit vom hiesigen Preis entfernt.

    Andreas

  4. Stephan sagt

    Hallo Andreas!

    Das ist richtig, dass in den USA, Kanada, etc. oft ohne Tax ausgezeichnet wird, aber sie ist a) oftmals geringer (in NYC z.B. bei etwa 8,75%) und b) war das jetzt nicht als Anreiz zum Eigenimport gemeint, sondern als Hinweis, dass die Verbraucher anderenorts weniger zu entrichten haben.

  5. die Sony hat ein paar Nachteile, die erwähnt werden sollten:
    – sie liegt schlecht in der Hand und kann leicht beim kleinsten Rempler aus derselben flutschen,
    – mein Modell war schon mehrmals nach nur 100 Aufnahmen plötzlich nicht mehr startfähig. Offensichtlich entlädt sich durch irgendwas der Akku
    – die Panoramabilder, die man mit der Sony durch langsames Ziehen machen kann, sind immer unbrauchbar. Selbst bei hellstem Himmel sieht man im Ergebnis Bewegungsunschärfe
    – für die RAW Verarbeitung braucht man einen sehr, sehr schnellen und neuen Rechner. Meiner schafft es nicht (das Öffnen dauert ewig), deshalb benutze ich nur JPG.

    Aber ich bin dennoch nicht unzufrieden, weil die Bildqualität selbst bei 3200ASA noch prima ist. Für „immer dabei“ ist sie gut, wenn auch für die Hosentasche etwas zu fett.

    beste Grüße!
    Thomas Herbrich

  6. @ Thomas Herbrich:
    Vielen Dank für die Rezension.
    Ich bin gerade dabei, mir eine gute „immer dabei“ Kamera zu suchen, und bin wegen des großen Sensors auf die RX100 aufmerksam geworden.
    Allerdings würden mir 12 MP genügen, das würde auch die Dateigrößen im RAW-Modus verringern.
    Genau genommen hat wohl jede Kamera ihre Schattenseiten.
    Bisher benutze ich eine Nikon P300, die im Panoramamodus auch sehr schwierig zu kontrollieren ist. Das wird aber durch die sensationelle Leistung im Nahbereich bei wenig Licht und langen verwacklungsfreien Belichtungszeiten aus der Hand ausgeglichen. Landschaftsaufnahmen bei kleiner Blende sind teilweise kritisch. RAW kann sie nicht, und der Sensor ist etwas zu klein. Aber sie passt in jede Tasche.
    Es ist kein Problem , ein 12 MP-Bild in PS auf 60×40 cm zu vergrößern. Im gedruckten bzw. fotobelichteten Zustand sieht man keine Unterschiede. Deswegen verstehe die Pixelmania der Hersteller bei Consumerkameras nicht.
    PS: Gegen das aus-der-Hand-rutschen benutze ich grundsätzlich die Handschlaufe.

    @ Stefan Spiegelberg:
    Das ist ein gut gemachtes Portal.
    Danke dafür.

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