Anmerkungen zur Babyfotografie

Photographie

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Seit ziemlich genau einem Jahr übe ich mich in dieser fotografischen Disziplin und wenngleich ich mich sehr sparsam gebe mit dem Zeigen der Bilder meiner Tochter Bente, so glücklich bin ich doch mit einem Großteil der Ergebnisse. Jetzt fühlt sich nicht jeder berufen, zum Chronisten mit der Kamera zu werden und sucht sich professionelle Hilfe.

Meiner lieben Frau hatte man schon wenige Minuten nach der Entbindung im Krankenhaus den ersten Flyer eines umherziehenden Babyfotografen zukommen lassen, doch aller Strapazen zum Trotz konnte sie noch erklären, ihr Mann sei Fotograf, sie möchte die Dienstleistung nicht in Anspruch nehmen. Das war natürlich glatt gelogen, weil ich ja kein Fotograf bin, aber wir hatten Ruhe.

Ich lichte meine Tochter seither bei etlichen Gelegenheiten ab und ab und zu hält sie dann auch mal still und flirtet mit der Kamera. Allerdings habe ich den größten Abzug, der bei uns im Wohnzimmer hängt, vom oben gezeigten Bild anfertigen lassen, weil ich den kritischen und höchst authentischen Blick von ihr besonders mag. Wir im Norden sind ja manchmal ein bisschen „dröch“ und kommen damit gut zurecht.

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Jetzt wurde ich neulich wieder mit der professionellen Babyfotografie konfrontiert und stolperte über das eine und das andere Portfolio, die sich oftmals ziemlich gleichen. Mein erster Gedanke war jeweils weit entfernt von „Oh, wie niedlich!“, sondern ging eher in die Richtung „Die Würde des Menschen ist unantastbar!“.

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In der Regel schlafend werden die kleinen Fratze, Racker, Prinzessinnen und Engel drapiert und nicht selten eingefasst in eine Szenerie, die nach meinem Dafürhalten alleine bei solchen Leute, die sich Airbrush-Bilder von Delfinen, Palmen und Sonnenuntergängen ins Schlafzimmer hängen, Anklang finden dürfte.

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Natürlich wird man nun einwenden dürfen, dass handwerkliche Schwächen nicht das gesamte Sujet betreffen und es auch „gute“ inszenierte Babyfotografie gibt. Obiges Bild ist nun von Anne Geddes, der ganzen dicken Hausnummer im Geschäft, und auch wenn das gestalterisch schon etwas mehr hermacht, ist das Kind doch wieder nur ein Teil eines Stilllebens – ohne Charakter.

Babyjahre: Entwicklung und Erziehung in den ersten vier Jahrenamaz

8 Kommentare

  1. »Die Würde des Menschen ist unantastbar.« Das trifft es ziemlich gut. Und es geht ja nicht nur um die Art und Weise der Bearbeitung. Mir ist schon diese Inszenierung zuwider. Warum sollten Babys und Kinder gerade auf Fotos *brav* ausschauen? Seit ich den Eindruck habe, dass eigentlich nur das immer gewollt wird, habe ich Babyshootings aus meinem Angebot genommen. Es grüßt aus Kreuzberg: Klaus

  2. Ja, die Würde des Menschen ist unantastbar. Leider nicht in der Babyfotografie. Dafür was Anne Geddes da losgetreten hat sollte man sie nach Den Haag zerren.

    Ich übe mich in selbigem ja auch seit knapp einem Jahr. Dokumentarisch und mit Bedacht auf die Emotionen die ich nicht vergessen will. Lachen mit Rotznase. Blicke die einen dahinschmelzen lassen. Das ist Babyfotografie, alles andere ist vergänglicher Scheiß, der in zehn Jahren nicht mehr in ist und für den man sich eventuell sogar schämt.

    Leider kriegen die guten Kinderfotografen kein Bein an den Boden. Weil gutes nicht gewünscht ist. Sondern Poserbilder für die Präsentation des Tronfolgers in den diversen social media Kanälen.

  3. Der Kunde ist König. Wenn Eltern sich so ein Bild wünschen, dann sollen sie auch so ein Bild erhalten. Ich hab mich, auch wenn noch nicht selbst Erfahrung gesammelt, an den ganzen Standard Babykram satt gesehen. Warum nicht aus dem Leben gegriffen ? Babys mit hipp Nahrung im Gesicht oä. Oder wollen sich die lieben Eltern an ihre schlafenden Kinder erinnern? Das og. sind doch gerade die Momente die einem im Gedächtnis bleiben oder ? Also warum nicht festhalten ?

  4. Stephan sagt

    Es steht jedem frei, sich derartige Fotos zu wünschen, aber bei der grausamen Verbreitung des von mir ungeliebten Stils fürchte ich, dass Eltern auch solchen Unsinn bekommen ohne zu wissen, dass es auch so geht, dass das Kind nicht Teil eines Stilllebens ist – sondern Mensch.

  5. Der Kunde ist König?
    Was soll das denn?
    Wir, die für fotografische Stile stehen, schlagen dem Kunden vor was er möchte.
    Wenn wir uns nicht am Mainstream, dem grottig schlechten, orientieren, dann wird es über kurz oder lang keinen Kunden mehr geben, der diese Art von KinderPortraits wünscht.
    Kinder oder Babys sind von Natur aus schön und sie zu Dekostücken zu dekradieren ist respektlos, falsch und verwerflich.
    Ich merke das immer wieder an, wenn solche unsagbaren Fotos irgendwo erscheinen und ich werde dann regelmäßig „gesteinigt“.
    Darum danke für diesen Beitrag!

  6. Du sprichst mir aus der Seele.
    Wir haben uns nach der Geburt unseren Sohnes auf den „Deal“ mit einem der bekannten Babyfoto-Serviceanbieter eingelassen. Die Ergebnisse gefallen uns als Eltern natürlich, der Zeitpunkt war gut gewählt und unser Sohn war gut drauf, also was solls. Das ganze Spiel hat allerdings nur 10-15 MInuten gedauert, dann war der Spuk vorbei und wir hatten wieder unsere Ruhe. Es war OK, ich war ohnehin in den ersten Tagen völlig hin und weg und hätte kein vernünftiges Foto zustande gebracht. Gestört hat mich aber das permanente Geblitze und das Abarbeiten von Standardposen. Die Babies auf den Bilder in den Krankenhausfluren sehen irgendwie austauschbar aus, wie Du richtigs schreibst charakterlos. Richtig gut gefallen mir auch nur unsere eigenen Bilder von unserem Sohn, die seine ersten Charakterzüge zeigen.

  7. Nicht nur weil ich diese Bilder anfertige, sondern weil ich da hinter stehe zu 100%. Und vor allem weil ich diese Bilder schon immer, auch zu einem Zeitpunkt als ich noch gar nicht fotografiert habe, schon gut fand. Es gibt solche Kunden und solche. Inszenierte Babyfotografie im Studio bei einem professionellen Babyfotografen schafft einmalige Erinnerungen. Die Babyfotografie im Krankenhaus die ist austauschbar, nichts sagend, langweilig. Das sehe ich auch so und macht überhaupt kein Sinn. Denn da kann man auch gleich des Nachbars Baby nehmen. Wer aber richtig gute Bilder will sucht sich einen Fotografen oder Fotografin die ähnlich arbeitet wie die Vorreitern in diesem Business Anne Geddes. Das kann man in keinster Weise mit den Babyfotografen im Krankenhaus vergleichen. Und wenn die Kunden das mögen und wollen, dann hat doch bitte keiner das Recht diese Menschen zu verurteilen.

  8. Stephan sagt

    Ich verurteile niemanden dafür, dass diese Dienstleistung in Anspruch genommen wird. Mir aber steht es frei, derartige Bilder von Babys furchtbar schrecklich zu finden. ;-)

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