Der Kamerakauf

Photographie

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Sich im Internet zu informieren, trägt mitunter merkwürdige Blüten, so auch nicht zu selten vor dem Kauf eines Fotoapparates und das auch zwischen mir und Lesern dieser Seite. Ich hatte tatsächlich versucht, einen Leitfaden der wichtigen Fragen zusammen zu stellen, per „Prezi“ gar interaktiv zu gestalten und habe dies dann im Wissen darum, dass es so nicht funktionieren wird, verworfen. Zäumen wir das Pferd anders auf …

Ein gut sortierter Fotoeinzelnhändler, an einem beliebigen Ort, vielleicht Bielefeld, vielleicht ganz woanders. Es scheint die Sonne, Vöglein singen, ein Mann um die 40 betritt das Geschäft.
– „Guten Tag!“
– „Guten Tag!“
– „Was kann ich für Sie tun?“
– „Ich hätte gerne einen neuen Fotoapparat gekauft.“
(lachend) „Na, das sollten wir doch hinbekommen. An was hatten Sie denn gedacht?“

Die Ladentür wird aufgestoßen, eine hochgewachsene Blondine, seit einer guten Dekade 29-jährig, poltert ins Geschäft, in der einen Hand eine ZARA-Tüte, mit der anderen den achtjährigen Karl-Johann hinter sich her schleifend, steuert sie auf den Tresen zu, knallt die Tüte auf eben diesen und erklärt dem Verkäufer, sie habe die Kamera, die sie mit sich führe, im Internet gekauft und wolle sie nun erklärt bekommen, weil der Mist nicht funktioniere. Zu ihrer großen Verärgerung weigert sich der Verkäufer und ermutigt sie, das Geschäft inklusive Karl-Johann, der an dem Ständer mit Fototaschen rüttelt, wieder zu verlassen. Sie kaufe hier nie wieder ein, lässt sie ihn an der Tür noch wissen.

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(Der Verkäufer wendet sich dem Kunden wieder zu.) „Entschuldigung, wo waren wir noch gleich? Haben Sie schon eine Vorstellung von einem Apparat?“
– „Ich muss zugeben, ich bin ziemlich ergebnisoffen an die Sache herangegangen. Ich hätte gerne eine Kamera, nicht zu groß, aber nicht zu klein für die Reise und Fotos von Freunden und Familie. Eine Videofunktion wäre schön, ist aber nicht sehr wichtig.“
– „Haben Sie sich schon ein Budget überlegt?“
– „Ich würde gerne nicht über die 800 Euro hinausgehen.“
(Des Verkäufers Hand, die sich gerade nach der Sony RX10 hatte strecken wollen, findet den Weg zurück auf den Verkaufstresen.) „Sie sagten, die Kamera solle nicht zu groß sein. Ist Ihnen eine Nikon D3300 DSLR bereits zu groß?“
– „Ja, das ist mir zu unhandlich.“
– „Und was ist mit der Canon EOS 100D?“
– „Nein, eine Canon möchte ich nicht.“
– „Okay. Sie können aber auf einen optischen Sucher verzichten?“
– „Ja, sofern der elektronische Sucher gut genug ist. Ich habe schon mal Kameras gesehen, wo das Bild im Sucher unzumutbar war.“
– „Da hat sich in den letzten Jahren einiges getan. Ein Sucher sollte es schon sein? Ein Display reicht nicht aus?“
– „Nein, ein Display reicht mir nicht aus.“
– „Da hätte ich die neue Sony Alpha 6000 mit APS-Sensor und blitzschnellem Autofokus.“
– „Haben Sie nichts, was klassischer aussieht?“
– „Was halten Sie von der Panasonic Lumix DMC-G6?“
– „Die ist schon ganz gut fein, aber haben Sie da nicht etwas eleganteres, noch etwas kompakteres?“
– „Einen Augenblick, bitte!“ (Der Verkäufer kommt hinter dem Tresen hervor und macht sich an zwei großen, offensichtlich eben erst gelieferten, Kartons, die mitten im Laden stehen, zu schaffen.) „Hier, das könnte was für Sie sein, die brandneue Olympus OM-D E-M10, sie hat das gleiche Bajonett wie die Panasonic, ist aber noch einmal kleiner und ich finde, die Olympus ist auch deutlich schicker.“
– „Schick ist sie!“

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Im Hintergrund räuspert sich ein älterer Herr vor der Wand voller Filter und Kleinkram. Herr Solms, wie wir ihn nennen möchten, erklärt, dass Rollei, was der Laden gar nicht führt, heute nur noch Mist sei und alles andere als Leica auch nichts tauge. Ein Eingehen auf seinen Monolog scheint er gar nicht zu erwarten und wendet sich wieder ab.

– „Entschuldigen Sie, er war schon da, als ich den Laden vor einigen Jahren übernahm.“
– „Also die Olympus sieht gut aus, das kleine Zoom-Objektiv gefällt mir auch. Alles schön kompakt, hochwertig und die Bedienung stellt mich nicht vor allzu große Rätsel. Was kostet sie denn?“
– „Damit reizen wir Ihr Budget voll aus. 799,00 Euro inklusive Objektiv und ich lege noch eine SanDisk SDHC Extreme 16GB Speicherkarte oben drauf.“
– „Puh! Aber wo ich schon mal hier bin (der Verkäufers Augen leuchten), ich bräuchte ja auch noch eine Tasche. Was haben Sie denn da?“
– „Da der junge Mann vorhin das Regal hat stehen lassen, kann ich Ihnen aus einer großen Auswahl Taschen zeigen. Soll neben der OM-D denn noch mehr in die Tasche?“
– „Eigentlich nur noch das iPad Air mit Ladegerät und Kleinkram und dann gewiss auch noch einmal ein weiteres Objektiv.“
– Da könnte ich Ihnen zum Beispiel das Billingham FibreNyte Hadley vorschlagen. Das ist sehr gut verarbeitet und bietet für das, was sie mitnehmen wollen, ausreichend Platz. Etwas greller kommt die Crumpler Quick Escape 800 daher, die man auf dem Rücken oder auch an der Hüfte tragen kann. Mein persönlicher Favorit ist allerdings Oskar’s One Day Bag Mk II – sehr schön schlicht.“
– „Gut, die gefällt mir. Was kostet die?“
– „175,00 Euro“
– „Ich wäre also mit Kamera und Tasche bei rund eintausend Euro?“
– „Ich fürchte ja.“
– „Wir machen nachher die Preise ab und ich kann ja daheim … Sie haben auch noch ein Portraitobjektiv für die Kamera? Mein Schwager sagte, ich solle danach fragen.“
– „Aber selbstverständlich! (euphorisch) Da darf ich Ihnen das 1.8/45mm ans Herz legen. Das kommt unter 300 Euro daher.“
– „Ein Schnäppchen also!“
– „Wenn Sie so wollen.“
– „Und damit macht man gute Portraits?“
– „Na, das müssen Sie schon machen, aber das Objektiv ist deutlich lichtstärker als das mitgelieferte Zoom und wenn Sie die Blende bei der Aufnahme öffnen, haben Sie, sofern Sie auf die Person fokussiert haben, einen unscharfen Hintergrund. Das nennt man dann Freistellung, wie hier …“ (auf ein Poster im Laden deutend).
– „Ich werde also etwas üben müssen.“
– „Das wäre ganz hilfreich.“
– „Nun gut, bei solch einem Investment kann man sich ja mal anstrengen.“
– „Absolut.“
– „Brauche ich noch was?“
– „Hm. Sie wollen die Fotos am Computer bearbeiten?“
– „Ja, doch. Ich habe da zu Weihnachten auch schon was bekommen. Irgendwas mit Light.“
– „Lightroom 5 vielleicht?“
– „Ja, genau! Das war es!“
– „Dann machen Sie jetzt daheim einfach das kostenlose Update auf die Version 5.4 und dann können die RAW-Dateien mit Lightroom bearbeitet werden. Ich glaube, damit haben Sie alles.“
– „Das wird meine Frau freuen.“
– „Haben Sie sonst noch Fragen?“
– „Ein Praxislehrbuch zur Kamera gibt es noch nicht?“
– „Meines Wissens ist da was für den Juni angekündigt, aber genaueres weiß ich auch noch nicht. Wenn Sie später Fragen haben, kommen Sie einfach vorbei.“
– „Besten Dank. Nehmen Sie EC-Karte?“
– „Ja, sehr gerne. Brauchen Sie eine Tüte?“ (Zahlungsabwicklungsgeräusche)
– „Nein, die Tasche hänge ich mir um, die Objektiv kommt da rein und den Kamera-Karton nehme ich unter den Arm.“
– „In Ordnung, viel Spaß damit und auf Wiedersehen.“
– „Tschüß!“
(Gemurmel von der Wand voller Filter und Kleinkram)

So mancher wird versucht sein, sich zu fragen, was das jetzt alles sollte. Eine Kapitulation vor der selbstgestellten Aufgabe, einen Blogpost zur richtigen Kamera zu schreiben? Ein Versuch, möglichst viele amazon.de-Links zu platzieren, um durch die Provision sehr, sehr reich zu werden?

Au con­t­raire! Vielmehr sind es harmlose Züge einer gewissen Schizophrenie, denn ich poste zwar etliche Links zu amazon.de und anderen Quellen, aber im Grunde will ich doch nur den Weg ins Fachgeschäft weisen, wo man die Chance hat, durch gute Beratung und den ersten physischen Kontakt der „richtigen Kamera“ ein großes Stück näher zu kommen. Gewiss ist die Zahl dieser wunderbaren Fachgeschäfte in den letzten Jahren erheblich gesunken, aber man findet sie noch. In Hamburg gehe ich zum Beispiel ins Photohaus Colonnaden, das neben einer breiten Auswahl von Neuware auch gebrauchte Kameras anbietet und dankbar einiges meines Geldes angenommen hat. Auf Reisen finde ich auch immer wieder Geschäfte, in denen ich mich so richtig wohlgefühlt habe. Besonders beeindruckt haben mich in den letzten Jahren zwei Geschäfte, die allerdings in Boston und Montréal zu finden sind. Während Bromfield Camera (erstes Bild) schon etwas rumpelig daher kommt, was ich nicht negativ verstanden wissen will (!), ist Camtec (Bild 2 und 3) in Québecs Metropole schon größer und besser sortiert, aber von ähnlicher Liebenswürdigkeit.

Was ist euer Lieblingsladen und warum?

(Vom Ergebnis des hier skizzierten Beratungsgesprächs auf meine Präferenzen schließen zu wollen, wäre übrigens nicht richtig, aber auch nicht ganz falsch.)

10 Kommentare

  1. Mein Lieblingsladen ist der, bei dem ich mich gut beraten und aufgehoben fühle. In Chicago hatte ich mal einen Laden besucht, der war so voll gestellt und mit allerlei gebrauchten, alten und seltenen Produkten übersät, dass ich völlig erschlagen war und nichts gekauft habe. Schade, denn die hatten wirklich ein paar coole Sachen… nächstes Mal dann!

  2. Ich fürchte, in den letzten Jahren bin ich niemandem mehr in einem Laden begegnet, der mir mehr als schlecht aufgewärmtes Halbwissen aus dem Netz hätte anbieten können. Ich bedauere das aber es führt zunehmend dazu, dass meine Lust lokal zu kaufen in den Keller geht. Noch tu ich’s…

  3. Martin sagt

    Danke für den tollen Bericht!
    Kannst Du nun auch was über die Kamera schreiben, mit Fotos ;-).
    Suche was neues und das Ding macht mich echt wuschig ……. grins .

  4. Leistenschneider in Düsseldorf, feiner Laden und sehr gute Beratung, außerdem haben die auch immer mal wieder nette Schnäppchen da rumliegen und man fühlt sich gut aufgehoben :)

  5. Hallo,
    Ich muss mich Stefan (2) anschließen. Ich war in den letzten Jahren, außer für meine Wanderschuhe, in keinem Laden mehr etwas technisches Kaufen.
    Genauer: Keine meiner Kameras habe ich vor Ort gekauft. Alle online.
    Zum einen gibt es fast nur noch die großen Ketten, bei denen mir ein Verkäufer etwas über Kameras erklärt, der mir vor 3 Wochen im Baumarkt ein Topf Farbe gemischt hat.
    Zum anderen gibt es dann noch einige Einzelhändler, welche bei uns sich nur Ihrer Stammkundschaft verpflichtet fühlen, und mir auch sehr gefährliches Halbwissen andrehen.
    …und die Läden, in denen man sich wohlfühlen könnte, habe ich nicht (mehr) gefunden, oder kenne sie nur noch aus meiner Kindheit. Welche wiederum auch noch nicht soooo lange her ist…

  6. Stephan sagt

    Und, Ronny, in welchem Laden fühlst Du dich hier gut aufgehoben. ;-)

    Martin, leider habe ich mich um kein Testgerät von Olympus bemüht, es warten andere Geräte.

  7. Gerhard sagt

    Leider haben xxxxx [wir wollen ja nicht mit Fingern zeigen ;-)] Einkäufer dazu geführt, dass in den meisten Innenstädten nur noch Döner und Handys dort verkauft werden. Richtige Fachgeschäfte sind rar und sollten gehegt und gepflegt werden.
    Schön ist, dass wir in erreichbarer Nähe Foto-Sauter haben. Das Personal hat in etwas mein Alter und keine Personal- sondern Inventarnummern. Soll heissen, die Leute strotzen vor Fachwissen und können selbst Gedankensprünge meiner mir Angetrauten beim Kamerakauf folgen, ohne dabei auch nur im Geringsten arrogant zu wirken.

    Ich gehe dort gerne einkaufen, wenn´s um Foto geht – und werde es auch in Zukunft so halten. Alleine schon aus dem Grund, weil ich gerne spät Abends durch die Innenstädte ziehe und Bilder mache.

  8. Martin sagt

    Es wäre wirklich schön wenn Verkäufer sich solch Mühe geben würden wie es dein fiktiver getan hat. Foto Meyer in Berlin ist der bekannteste und eigentlich „größte“ Fachhändler in Berlin. Der Laden selbst ist sehr klein, ständig steht man sich im Weg und die Verkäufer nehmen sich auch keine Zeit für einen oder einen nicht ernst. Besser ist man da beraten bei Leistenschneider in Berlin Steglitz, wenn ich neu kaufe dann dort.

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